“der versucht nicht zu lachen” “und er schafft es auch”

ich nenne es arbeit

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„Ich nenne es Arbeit. Ein Projekt zur Befragung künstlerischer Identität“, von OliverBreitenstein.

Die Grenze zwischen Kunst und Alltag. Kann Zeitung lesen Kunst sein?

Das Kunstprojekt Oliver Breitensteins besteht darin, dass er in seinem Büro für Kunstvermittlung in Münster zu festgelegten Terminen Zeitung liest. Breitenstein bietet damit dem kulturell orientierten Zeitgenossen unter dem Branding der „kulturellen Teilhabe“ neben der Offerte „Ich schaue auch für Sie Kunst“ eine weitere kulturelle Dienstleistung an.
Ist das Kunst, was Oliver Breitenstein uns darbietet? Dieser Frage soll im Folgenden nachgegangen werden.
Kann man das Kunst nennen, wenn ein Akteur in einem „Büro für Kunstvermittlung“ sitzt und täglich drei Stunden in der Zeitung liest? Keine Lesung mit Text wird hier dargeboten, sondern die alltägliche Handlung des Zeitunglesens. Kein Vortrag, kaum mimische Reaktionen, gelegentlich ein Lächeln, wenn Breitenstein etwas lustig oder komisch findet, nichts wäre daran ungewöhnlich, würde diese Handlung in einem Alltagsrahmen stattfinden. Der Kultur-Dienstleister Breitenstein liest in Zeitungen, die seine Auftraggeber bestimmen können, und gegen Entgeld. Wer annimmt bei dieser Auftragsbearbeitung wird Wissen vermittelt, sieht sich getäuscht, denn der Künstler liest stellvertretend für seine Kunden. Folgt man aber Breitensteins Aussage, dass die Zeitung hier nicht primär als Lesematerial fungiert, sondern den Platz herkömmlichen Malmaterials einnimmt, folgt Verunsicherung: liest der Künstler nur, oder „macht er gar Kunst“ gegen Bezahlung? Aber genau um diesen Punkt scheint es Breitenstein zu gehen. Der Künstler nennt seine Aktion „Ein Projekt zur Befragung künstlerischer Identität“. Beabsichtigt er hier einen
„poststrukturalistischen Diskurs“?
„Kunst ist ein Begriff, der als Diskurs zirkuliert, als Wort in unseren Köpfen gewisse Bilder hervorruft, auch Bilder vom Künstler. Diese Bilder werden durch Konditionierungen hervorgerufen und prägen unsere Erwartungen an Kunst und wie wir ihr begegnen“, sagt Oliver Breitenstein und bezieht sich damit auf Jacques Derrida, der zur Werkinterpretation die Methode der Dekonstruktion entwickelte, welche Theoriebildung hinterfragt. Der Begriff Dekonstruktion erfasst jeden potentiellen Bedeutungsträger, d.h. alles was im weitesten Sinn dem Begriff Kunst zugeordnet werden kann. Danach ist es unmöglich das Gesagte eindeutig auszulegen: „der Rezipient wird ent-täuscht, in doppelter Weise, dass erstens das, was er verstanden zu haben glaubt, ent-täuschenderweise eine Täuschung war und zweitens dies als Täuschung sichtbar wird. Wahrheit ist ambivalent, insofern eine Gegebenheit erkannt wird, diese durch ein andere gleich wieder ausgeschlossen werden kann. Der Künstler hält seine Situation offen, verunsichert den Rezipienten und erreicht sein beabsichtigtes Ziel, eine Reflexion anzuregen über Rollenzuweisung und zugleich über Rollenbrechung.

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Rollenzuweisung

Rollenzuweisung geht auf den amerikanischen Philosophen und Psychologen Georg Herbert Mead zurück. Mead geht von einem Prozess der Rollenübernahme aus, das bedeutet, sich selbst mit den Augen der anderen zu sehen, deren Standpunkt und Haltung sich selbst gegenüber klar zu machen und zu reflektieren. Meads Ansatz der Rollenzuweisung wurde richtungsweisend für die reflexive Soziologie und von Herbert Blumer weitergeführt. Von Blumer stammt der Begriff „symbolischer Interaktionismus“. Menschen gelangen durch Interaktionsprozesse zu gemeinsamen Symbolen und Situationsdefinitionen, schaffen und verändern demnach selbst die Realität. Dieser Ansatz wird von Breitenstein scheinbar aufgenommen und in einem künstlerischen Rollenverhalten reflektiert. Dabei ergibt sich eine Zuordnungsfrage nach der Rolle des Künstlers und der Rolle des Rezipienten. Entsteht eine Wechselbeziehung zwischen Künstler und Rezipient oder konstituiert sich Kunst allein durch die Handlung: das Lesen der Zeitung in Büro für Kunstvermittlung? Hier scheint es als konterkariert sich die Aktion selbst. Breitenstein liest leise in der Zeitung, er vermittelt im herkömmlichen Verständnis in seinem Büro für Kunstvermittlung nichts außer seiner Anwesenheit und dem Angebot: für alle
Zeitung zu lesen. Indem der Künstler soziale Realität einbezieht, begibt er sich in einen komplexen Erkenntnisprozess, der das „Konstitative, das Imaginäre und das Reflexive vereint. Die Bedeutung einer Handlung rekurriert sich auf ihre Funktion im Regelsystem, aus dem sie interpretiert wird. Lassen sich die alltägliche Handlung des Zeitungslesens und dieselbe Handlung in einen künstlerischen Kontext versetzt zusammenführen?
Beim alltäglichen Zeitunglesen ist die Aktion des Lesens primär mit Wissensaufnahme und Wissensverarbeitung verbunden, bei der Leseaktion von Oliver Breitenstein hat die Zeitung symbolischen Wert, inhaltlich ist sie laut Breitenstein primär auf ein aussageloses Blatt Papier reduziert: nicht mehr als Malmaterial.
Breitensteins Anliegen ist es unter anderem zu hinterfragen, wie der Interaktionsprozess zwischen Künstler und Kunst einerseits und Kunst und Rezipient andererseits funktioniert. Hier ist die Fähigkeit zur Intersubjektivität gefragt sowie die Fähigkeit zur Rollenübernahme. Diese ermöglicht die Betrachtung der eigenen Person aus der Perspektive anderer, an der Interaktion Beteiliger, zur Steuerung des eigenen Verhaltens.

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Wer beobachtet wen?

In seinem Buch „Die Kunst der Gesellschaft“ kommt Niklas Luhmann zu dem Schluss, dass nur bei einer Abweichung des Herkömmlichen Unterscheidungen beobachtet werden können. Luhmann nennt die Beobachtung solcher Unterscheidungen „zweite Beobachtung“. In dem Beitrag „Das Kunstwerk und die Selbstreproduktion der Kunst“ schreibt Luhmann: „Kunst wird zu einem sich selbst bestimmenden, sich selbst produzierenden, sich an inneren
Kohärenzen und Widersprüchen orientierenden System. Die Selbstbeschreibung der Kunst, ihre Semantik, ihre ästhetische Theorie muss dann die Vorstellung von >>imitatio<< aufgeben. Wenn das der Tatbestand ist, muss nicht nur die interne (ästhetische), sondern auch die externe (soziologische) Beschreibung der Kunst darauf eingestellt werden. Sie erfordert eine Theorie, die erfassen kann, dass und wie die Kunst sich unter gesellschaftlichen Bedingungen als ein geschlossenes System der Selbstreproduktion halten und entfalten kann.“
Was sieht die Beobachtung? Sie kann nur das sehen, was sie mit Hilfe der Unterscheidung sehen kann. Breitensteins Tun, das Lesen der Zeitung, kann als alltägliche Situation, aber auch als Performance beobachtet werden. Beobachten setzt sich als Operation eines Systems aus zwei verschiedenen Komponenten zusammen: aus Unterscheiden und Bezeichnen. Dabei sind Unterscheiden und Bezeichnen zwei Momente einer einzigen Operation. Das System wählt eine Unterscheidung und eine der beiden Seiten dieser Unterscheidung wird bezeichnet. Auf die Aktion Breitensteins angewandt, kann das Lesen der Zeitung entweder Kunst sein oder keine Kunst. Beobachtung ist die Bezeichnung einer Seite im Rahmen einer Unterscheidung.

Der Rahmen

Sobald sich der Sinn von Kunstwerken nicht mehr ausschließlich über das Eindringen in ihre innere, autonome Intention erfassen lässt, stellt sich die Frage nach den äußeren Bedingungen um so dringlicher. Wenn Kunst ihren Platz mitten in einer komplexen sozialen Praxis einnimmt, bedarf es künstlerischer Rahmenbedingungen. Rahmen sind Interpretationshilfen für Bezugssysteme an denen Menschen ihre Wahrnehmung orientieren.
Nach dem Soziologen Erving Goffman wird der Rahmen bestimmt durch Rollen, einem Bündel von vorherbestimmten Handlungsmustern, das sich während einer Darstellung entfaltet. Einfluss auf die Rolle hat die Bühne, d. h. 1. die räumliche Umgebung und 2. das Publikum, die soziale Situation, sie zusammen liefern den Rahmen für eine Handlung. Werden erwartete Handlungsmuster nicht erfüllt, bzw. wird sich ihnen bewusst widersetzt, so entsteht eine Rahmenbrechung. Welche Rahmen auf bestimmte Situationen angewendet werden, ist einem ständigen Aushandlungsprozess unterworfen, der niemals zu einem entgültigen Schluss kommt. Folglich ist das Wissen, die Sicherheit und die Ordnung der sozialen Realität immer nur vorläufig und von ständig neuen Situationen und Veränderungen enttäuschbar, so dass laufende Anpassungen erfolgen müssen. Denn die Organisation der Erfahrung bleibt kontextbezogen. Es gibt keine isoliert fixierbare Bedeutungen.
In der Aktion von Oliver Breitenstein wird die alltägliche Handlung des Zeitunglesens zur Performance, zu einer symbolischen Handlung. Sie führt dem Publikum einen Kunstprozess vor. Künstlerische Performance entsteht aus dem Verhältnis von konkretem Ereignis, räumlich-körperlicher Gegenwart und medialer Transformation.
Der Kunsttheoretiker Boris Groys schreibt in einem Beitrag „Der eingebildete Kontext“ „Der Künstler von heute tritt in erster Linie als Mitglied seiner jeweiligen Gesellschaft auf und will sein Werk im Kontext der allgemeinen gesellschaftlichen Kommunikation, inmitten derer er lebt, situieren und verstehen“. Der zeitgemäße Künstler setzt seine, ihm von der Gesellschaft verliehene Identität kontextualisiert und strategisch ein. „Der Künstler geht mit dieser seiner alten, schon fertigen, sozial produzierten Identität eigentlich wie mit einem Ready-made um: Er wird für sich selbst zu einem Ready-made. Das ist der Grund, warum die Kunst von heute
sich im Wesentlichen an Duchamp anschließt, obwohl ihre Problematik eine andere geworden ist. So wie Duchamp die schon fertigen Formen der Dinge nicht zu transzendieren sucht, sondern sie strategisch von ihrem unmittelbaren, alltäglichen Kontext in den größeren Kunstkontext überführt, so verfährt der Künstler von heute mit seiner eigenen Identität.“

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Signatur

Oliver Breitenstein bedient sich einer traditionellen Gepflogenheit: er signiert sein Werk. Von ihm gelesene Zeitungen werden abstempelt und an der Wand des Büros für Kunstvermittlung aufgehängt. Die Signatur war schon immer ein Indikator für die Vollendung der Arbeit, in der Zeit der Kopierbarkeit aber auch ein Hinweis auf das Copyright. Breitenstein interpretiert das Abstempeln und Aufhängen der Zeitung als eine Art „selbstrefentielle Prozess-Dokumentation“.

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